Landschaft quer denken

Arbeitskreis Landschaftstheorie

Ulrich Eller: Neue Hörbilder in der Alten Stadt

von stefanie am 8. September 2014

 Foto: Eckhardt Liss, Völksen 2009
Foto: Eckhard Liss, Völksen

Was macht ein Klangkünstler in einem Museum für Stadtgeschichte? Ulrich Eller ließ die Zuhörer an seiner besonderen Perspektive auf die Stadt teilhaben: er begreift den Stadtraum als Resonanzkörper, einem Musikinstrument vergleichbar, allerdings von vielen gebaut und über die Jahrhunderte immer wieder verändert. Und anders als Instrumentenbauer haben sich Stadtbaumeister nur selten über Klang und Akustik Gedanken gemacht.

Mit diesen vielstimmigen Stadträumen setzt sich Eller seit nunmehr 30 Jahren auseinander. Die Auswahl an Arbeiten, die er in seinem Vortrag vorstellt, räumt mit einem Vorurteil gründlich auf: dass Verkehrslärm grundsätzlich Gift für unsere Ohren sei. Im Gegenteil: die Geräusche von PKWs und Lastern, das Anfahren, Beschleunigen und Bremsen, kurzum den Klangteppich, der an vielen städtischen (und ländlichen!) Orten das Grundrauschen unseres Alltags bildet, nutzt Eller als Material seiner Klanginstallationen. Den üblichen Strategien der Ingenieure, Geräusche auszugrenzen und abzuschirmen setzt er künstlerische Strategien zur Wahrnehmung entgegen.

Musikalisierung der Alltagsgeräusche

In der „Klanganalogie Rheinstraße“, 1985 in Berlin umgesetzt, verschränken sich Innen- und Außenraum: vor dem geöffneten Fenster einer Berliner Mietskaserne steht ein mit Saiten bespannter Klavierrahmen, darauf liegen Steine unterschiedlicher Größe. Der vorbeirauschende Stadtverkehr versetzt die Anordnung in Schwingungen und bringt sie zum Klingen: Musikalisierung der Alltagsgeräusche! Das passiert auch beim „Überwurf“ (1998): über eine Schallschutzwand in Linz wurden 16 Seile geworfen, an deren Enden jeweils ein roter Sack baumelt. Die Säcke auf der lauten Straßenseite verweisen auf die straßenabgewandten Säcke, aus denen eine Klangkomposition ertönt. Eller schildert, wie Autofahrer am Straßenrand anhielten, um dem Rätsel der roten Säcke auf die Spur zu kommen, bei dem Sehen und Hören ineinandergreifen.

Viele Klanginstallationen sind temporär, für Festivals oder Ausstellungen gemacht, flüchtig und nicht wiederholbar. Was bleibt davon? Nun, ein Klangkünstler müsse auch gut über seine Arbeit reden können, so Eller. Eine Ausnahme bildet das dauerhaft installierte „HörMal“ auf dem Hermannshof bei Springe. Eller beschreibt die perforierte Metallwand mit Hörbank als ein akustisches Gesamtkunstwerk, das den Besucher eintauchen lässt in ein immer wieder neues Zusammenspiel von Natur, Verkehrsrauschen der angrenzenden Bundesstraße und Klangkomposition. In der individuellen Hörerfahrung werde alles gleich akzeptiert. Das HörMal kann Eller sich denn auch als Multiple für eine Reihe von Orten vorstellen.

Die leidenschaftlich vorgestellten Arbeiten berühren das Publikum, obwohl es keinen einzigen Ton zu hören bekommt. Mit gutem Grund, so Eller, der Klang aus der Konserve könne nie die echte Hörsituation am spezifischen Ort wiedergeben, die das Hören maßgeblich beeinflusse.
Ellers Installationen in Stadt- und Parkräumen bilden nur eine Facette seines Schaffens. Zurzeit bereitet er die Uraufführung einer Arbeit im Innenraum vor. Die Skulptur „Crossing – Synästhetische Farbkreuze nach Malewitsch“ wird durch ein Streichquartett klanglich umsetzt. Noch tiefer ins Thema einsteigen kann man beim Symposium „The Statement: Sound – Installation“ im Juli 2014 an der HBK Braunschweig.

 
Stefanie Krebs, Februar 2014

 

Mehr zu den Projekten von Ulrich Eller unter www.ulricheller.de